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Jemand hat einmal gesagt, Kabarett ist „die Kunst, in einer aalglatten Gesellschaft anzuecken“ und ein Amateur ein „Sportler, der seinen Beruf mit einem anderen Beruf tarnt“ (Tange, 2001). Was kann man da noch hinzufügen?

Die Bundesvereinigung Kabarett vereint in ihren Reihen kabarettinteressierte Bürger, Berufs- und Amateurkabarettisten. Sie versteht sich als Bindeglied und Mittler zwischen Amateur- und Berufskabarett, zwischen Kabaretts und Veranstaltern, sowie als "Geburts- und Entwicklungshelfer" für Kinder- und Jugendkabarett.

Ein Höhepunkt in der Arbeit der Bundesvereinigung ist das jährlich stattfindende Kabarettfestival in Aschersleben. Hier haben Gruppen und Solisten die Möglichkeit, ihre Programme zur Diskussion zu stellen, Gastspiele profilierter Kabaretts zu erleben und Erfahrungen auszutauschen.

Neben Workshops und der Zeitschrift „Pointe“ gibt es bei uns allerdings noch viel mehr zu entdecken!

Chronik

Die gesellschaftliche Wende

Auszug aus Pointe 58 (Redaktionsschluss: 27.07.93)
Verena Rehberg und Manfred Berger

Mit der gesellschaftlichen Wende 1989 begann unter den Amateurkünstlern das öffentliche Nachdenken über die Zukunft des künstlerischen Volksschaffens. Die bis dahin vorhandenen Strukturen und Instrumentarien, die die in der DDR existierenden ca. 12.000 Gruppen und Zirkel, die in 17 Genres mit ca. 1,2 Mio. Teilnehmern vom Kind bis zum Senior vereint waren, trugen und leiteten, waren zusammengebrochen. Betriebe und Einrichtungen, die bis dahin als Träger der Volkskunst fungiert hatten, "verabschiedeten" sich. Der FDGB, der größte und einflussreichste aller Trägereinrichtungen, hauchte sein Leben aus. Die Volkskünstler und ihre Kollektive standen buchstäblich auf der Straße.

Was nun? Ende der Volkskunstbewegung im allgemeinen und der Kabarettbewegung im besonderen?

Etwas jedoch hatten die Kabarettisten der DDR nie gelernt - das Klein-Bei- und Aufgeben. Am 10. November 1989 trafen sich in Woltersdorf bei Berlin "Unentwegte" und starteten einen Aufruf zur Gründung eines selbständigen Verbandes der Volkskunstschaffenden der DDR, der als Interessenvertreter aller in ihm vereinigten Kollektive, Einzelschaffenden und Interessenten wirken sollte. Dieser Aufruf war der Startschuss für eine nun einsetzende intensive Diskussion zum Fortbestand der Amateurkunstbewegung.

1989 - Was nun?

Unter dem Motto "Kabarett - was nun?" kamen am 19. November 1989 ca. 80 Amateurkabarettisten im traditionsreichen Berliner "Prater" zusammen. Die Quintessenz der kontrovers geführten Debatte zu dieser Frage war die Forderung nach einer von politischen und ideologischen Zwängen befreiten Kunst ohne Zensur und der vollständigen Übernahme aller Verantwortlichkeiten durch die Künstler und Ensembles. Kabarett wurde als "Lokalität der ungebremsten politischen und weltanschaulichen Debatten" definiert, "in denen der Witz des Volkes das vorläufige letzte Wort hat" (Tribüne vom 22.11.1989). Die Teilnehmer der "Prater-Diskussion" bekundeten ihren Willen, sich zur Durchsetzung dieser Forderung ein eigenes Gremium zu schaffen, das ihnen Ansprechpartner und Interessenvertreter ist. Zur kontinuierlichen Fortführung der Diskussion starteten der zum damaligen Zeitpunkt noch existierende FDGB-Bundesvorstand und das Zentralhaus für Kulturarbeit einen Aufruf zu einem Treffen der Amateurkabarettisten.

Vom 8. bis 11. Februar 1990 kamen daraufhin im Haus der Jugend und Sportler in Dessau zweihundert Amateurkabarettisten zusammen, um sich mit aktuell-politisch satirischen Programmen in den öffentlichen Dialog einzubringen. Am Sonnabend, dem 10. Februar 1990, wählten sie eine Koordinierungsgruppe und beauftragten sie mit der Vorbereitung zur Gründung eines "Interessenschutzbundes Amateurkabarett". Der Termin für die Gründung wurde für den 11. bis 13. Mai 1990 in Leipzig festgelegt. Hilfe und Unterstützung gab in dieser Vorbereitungsphase das Kontakt- und Informationsbüro für Vereinigungen und Verbände des künstlerischen Amateurschaffens als Nachfolger des im Zentralhaus neugegründeten Soziokulturellen Bildungszentrums e. V. in Leipzig.



Die Gründung des Verbandes

Am Freitag, dem 11. Mai 1990, trafen sich die Amateurkabarettisten im Klub der Pädagogischen Hochschule in Leipzig, um bis zum Sonntag die Gründung ihres eigenen Verbandes durchzuführen. Mit der Wahl des Vorstandes am Sonntag, dem 13. Mai 1990, besaßen die Kabarettisten ihren eigenen Verband, den Fachverband Kabarett e. V. (FVK). Im Abschnitt 2.1. des Statuts versteht sich der FVK als "eine von Staat, Parteien und anderen politischen Gruppierungen unabhängige Vereinigung", die "sich auf der Basis freiwilliger Mitgliedschaft organisiert und ... (die) Interessen (ihrer) Mitglieder gegenüber nationalen und internationalen staatlichen, privaten und sonstigen Partnern und Einrichtungen (vertritt)". Der FVK wurde entsprechend seines Antrages am 4. Juli 1990 beim Stadtbezirksgericht Berlin-Mitte unter der Nummer 870 im Vereinsregister eingetragen.

Unmittelbar nach seiner Gründung begab sich der FVK mit Volldampf an die Arbeit. So schuf er die Voraussetzungen und übernahm die Verantwortung für die weitere Publikation der Fachzeitschrift "Die Pointe", deren Herausgabe mit der Nummer 53/54 vom August 1990 durch den zp-Verlag Leipzig eingestellt worden war.

Einen Schwerpunkt in der Arbeit des Verbandes bildet die Organisation der seit 1990 jährlich stattfindenden Kabarettfestivals. Bis 1988 hatten in schöner zweijähriger Regelmäßigkeit die Arbeiterfestspiele stattgefunden. Für 1990 war diese kulturelle Monumentalshow zum 23. Male, und diesmal im ehemaligen Bezirk Cottbus, geplant. Feste Bestandteile dieser Spiele waren zahlreiche Auftritte von Amateurkabaretts, TAGE DES KABARETTS sowie (seit 1970) jeweils eine Veranstaltung KABARETT-NONSTOP als Höhepunkt. Aber auch die Arbeiterfestspiele wurden im Zuge der Wende abgewickelt; in Cottbus fanden sie nicht mehr statt. Doch die im Bezirk geplanten TAGE DES KABARETTS, die allerdings fanden - wenn auch modifiziert - statt. Der sich noch im Amt befindende Kultursekretär des Kreisvorstandes des FDGB Weißwasser hatte das Herz und den Mut, die dafür geplanten Mittel zurückzubehalten, und der kaum einen Monat tätige Vorstand des FVK nutzte die Gunst der Stunde und machte daraus das eigentlich erste Kabarett-Festival.



Neuer Name und Satzung

Im September 1991, genau vom 13 bis 15.9., fand an der ehemaligen Gewerkschaftshochschule in Bernau dann das vom FVK und dem SKBZ Leipzig e. V. organisierte zweite Festival statt. Die Gruppen stellten mit ihren Programmen erste Versuche der kabarettistischen Verarbeitung der neuen gesellschaftlichen Situation vor, die Ausstellung zur Geschichte des Amateurkabaretts in der DDR wurde zum ersten Mal gezeigt, und die Kabarettisten hatten viel Zeit und Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen und neue Bekanntschaften zu schließen. Dass der gesellschaftliche Umbruch dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Kabarettisten keinen Abbruch bereiten konnte, zeigte sich nicht zuletzt im stimmungsvollen Ausklang des kabarettprogrammreichen Sonnabends, den 14.9.91.

Am Sonntag, dem 15.9.1991, rief der Vorstand des FVK die zweite Vollversammlung des Fachverbandes ein. Mit Blick auf erste Erfahrungen im vereinten Deutschland erhielt im Ergebnis dieser Versammlung der Verband einen neuen und seinen nunmehr endgültigen Namen: Bundesvereinigung Kabarett e.V.

In ihrer Satzung bestimmt die BVK e. V. ihre Aufgaben und Ziele "in Übereinstimmung" stehend "mit freiheitlich-demokratischen Grundordnung" und die mit ihrer Arbeit verfolgten Zwecke als "ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke". Ihr erklärtes Ziel, so formuliert die BVK e. V. in ihrer Satzung, besteht in der "Förderung der kulturelle(n) Interessen der Bürger, insbesondere der künstlerischen Betätigung auf dem Gebiet des Kabaretts. Humanismus, Toleranz und Chancengleichheit sind Grundsätze (ihres) Wirkens nach innen und außen".



Die Arbeit der Bundesvereinigung

Das dritte Kabarettfestival, wiederum organisiert von der BVK e. V. und dem SKBZ e. V. vom 4. bis 6. September 1992 an der Märkischen Heimvolkshochschule in Helenenau, und das für den 3. bis 5. September 1993 geplante vierte Kabarettfestival ebenfalls in Helenenau führten bzw. führen die Reihe der Kabaretttreffen traditionell weiter.

Die Festivals stellen nicht nur von ihrer künstlerischen Seite eine Einmaligkeit in Deutschland dar, auch bei ihrer Finanzierung bauen die Veranstalter ganz auf die eigene Kraft. Das Entgegenkommen der Märkischen Heimvolkshochschule mit preiswerten Unterkünften und die von den Festivalteilnehmern entrichteten Teilnahmegebühren ermöglichen das kostendeckende Arbeiten.

Berlin, Leipzig, Dessau, Weißwasser, Bernau, Helenenau -

Stationen des Lebensweges des ersten kabaretteigenen und von den Kabarettisten selbst geschaffenen Verbandes, die die Lebensfähigkeit des Amateurkabaretts nach der gesellschaftlichen Wende eindringlich dokumentieren und zeigen, dass das "Prinzip Hoffnung" zu einem starken Motor der "Satirischen Arbeit" geworden ist.